Character Assessment
Was sich im ersten Moment vielleicht nach einem Auswahlverfahren oder ähnlich unserem Assessment Center zur Bewerberauswahl anhört, ist etwas gänzlich anderes.
Bereits zum zweiten Mal kommen wir morgens in die Schule und es herrscht gewisse Betriebsamkeit vor dem Weg unseres Computerlabs. Links von uns aus ist die Bibliothek bzw. für spezielle Zwecke auch der Besprechungsraum. Rechts, etwas entfernt, das Administration Office mit dem Headmaster.
So kommt es das auch wir, mit einem bestimmteren Ton als sonst, zum Meeting geladen werden. Nichtsahnend also setzen wir uns dazu und sind gespannt. Das Meeting findet wie stets auf Kiswahili statt, so dass wir nicht alles verstehen. Plötzlich schreiben alle Lehrer etwas auf mitgebrachte Zettel. Ich besorge mir also schnell ein Blatt Papier und einen Stift aus dem Computerlab - wer sitzt schon gerne als einziger ohne Zettel und Stift da.
Doch nun wurde erst erkenntlich was denn nun aufgeschrieben wird. Jeder erhielt eine Liste sämtlicher Noten des Midterm-Exams der Form 3, sortiert von gut bis schlecht und so schrieb nun jeder Lehrer also eine Liste derer Schüler die in seinem Fach besonders schlecht waren.
Danach ging es los, seitlich lagen bereits Stöcke bereit und manch ein Lehrer hatte auch seinen eigenen mitgebracht. Bisher konnten wir stets sagen: an der Pandahill wir nicht grundlos und übertrieben geschlagen. Nun allerdings wurde Schüler für Schüler hereingerufen und zu seinen Noten befragt. Wiese – Weshalb – Warum. Dabei wurden Schüler für vielerlei Gründe mit dem Stock bestraft:
- nicht die anwesenden Lehrer beim Betreten des Raumes grüßen
- herum Zappeln
- zu leise reden
- lügen (selbst beim leisesten Verdacht)
- falsche Kleidung tragen (jede Form hat ihre eigene Uniform, jeder Schüler seine eigene Hose/Hemd/Rock/…)
- auf Fragen nicht antworten
- …
Anwesend waren alle Lehrer der Form 3, sowie der Headmaster und Second Headmaster. Allein diese Konstellation von gut 25 Lehrern vor sich brachte den einen oder anderen Schüler an den Rand seiner Nerven.
Normalerweise werden nicht jedes Mal die Regeln strickt ausgelegt. Heute allerdings rächte es sich wenn die Hose eines Kameraden getragen wurde oder Flipflops statt der Schulschuhe (welche ohne Absatz sind).
Außerdem kam nun noch hinzu dass eine Schülerin von einem Lehrer ertappt wurde „mpenzi“ (Liebling) gesagt zu haben. Liebschaften sind an der Schule strikt verboten und dementsprechend wurde nach dem Geliebten gefragt. Nach etwas zedern erzählte die Schülerin nicht nur den Namen des eigenen Freundes sondern auch von anderen Pärchen. Diese wurden anschließen nach und nach hereingerufen und nach weiteren Pärchen gefragt, stets vergleichend mit der immer länger werdenden Liste der bereits bekannten Pärchen.
Interessanter weise mussten wir auch feststellen, dass entgegen früherer Behauptungen der jüngeren Lehrer (+/- 30 Jahre), nach der sie weniger schlagen bzw. aufhören zu schlagen, teils sehr scharf darauf wirkten zu schlagen. Auf der Sitzkante nervös mit dem Stock wippend oder ganz hinten im Raum sitzend und sich über die Lautstärke der Schüler beschwerend. Es hatte teilweise durchaus einen krankhaften Zug an sich.
Doch auch die Schüler brachten Aktionen wie man sie sich nicht vorstellen kann. Es wurde gerade auf dem Boden mit Kreide eine Art Stoppschild von einem älteren Lehrer gezeichnet um den Schülern klarzumachen bis wohin sie gehen sollten und dann stehen bleiben. Der Schüler, hereinkommend und den Lehrer fertigzeichnen sehend, schleifte mit seinem Fuß absichtlich über den Boden um das gerade gemalte Werk zu verwischen. So eine bewusst provokative Aktion hatte für ihn natürlich vorhersehbare Folgen.
Beim Character Assessment dieser Woche, nun für Form 4, kam heraus, dass eine Schülerin mit einem verbotenen Handy ein Foto im Pandahill-Schulshirt und sehr wenig Textil unterhalb der Gürtellinie auf Facebook veröffentlichte. Interessanterweise wurde nun den Wazee (ältere Männer) erklärt was Facebook, Internet und dergleichen ist. Es wurde unteranderem auch darüber diskutiert sie von der Schule zu verweisen.
Bereits nach einer halben Stunde bekamen wir das Angebot doch den Raum zu verlassen. Wir lehnten ab und verfolgten diese Art von Gericht länger.
Ich möchte hinzufügen, dass ich natürlich Schlagen als Bestrafung nicht gut heißen kann. Doch sehen hier die Lehrer es als einzige Möglichkeit den Schüler auf die richtige Bahn zu bringen. Auch ist diese Maßnahme durchaus von den Eltern gewollt und wird manchmal auch als schwäche gesehen wenn Lehrer nicht schlagen. Wir befinden uns daher natürlich immer im Konflikt was wir machen können und wollen oder vielleicht auch sollten.
Die Schüler selbst, besonders die Jungs, stehen aber über die Strafe. Täglich erkennbar an Schülern teils erst Form 1 oder 2 die trotz Strafe immer wieder ins Computerlab kommen. Auch wenn es am Ende meist auf Strafe hinausläuft weil sie sich unerlaubt vom Abendgebet fernhalten, Unterricht schwänzen oder dergleichen.
Jungs wird auf das Gesäß geschlagen, Mädchen auf die offenen Handflächen. Täglich sehen wir allerdings auch andere Strafen. So müssen Schüler Runden rennen, wie Frösche den Weg entlang hüpfen, in der Hocke die Hände nach oben Strecken und diese Kneten, in Liegestützposition sich halten oder an der Wand angelehnt in die Hocke gehen wenn sie sich eine Verfehlung geleistet haben. Gerade die sportlichen Strafen bleiben meist noch bis nach der nächsten Stunde in den Knochen spürbar.
Trotz den teils krankhaften Zügen wie Lehrer aufgesprungen sind um als erster Schlagen zu dürfen, wirkte sich dies nicht auf unsere Beziehung zu den Lehrern aus. Ich hoffe ich gehe nicht zu weit zu sagen, die Bestrafung schlagen hat hier einen gesellschaftlich vollkommen anderen Stellenwert als in Deutschland. Es wird von vielen geduldet wenn nicht sogar überwiegend gefordert. Eltern wie Lehrer!
Auch in Deutschland ist es noch nicht allzu lange her, da war dies die gleiche Situation: Fragt euer Großeltern, wenn nicht sogar noch Eltern!
geschrieben am Freitag, den 27. Juli 2012 um 02:00 Uhr von Tobias Ruby